Miriam Staudte, MdL

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2. November 2010

Atomenergie ist keine Brücke, sondern eine Sackgasse

Artikel von Miriam in der Zeitschrift "Haus und Hof"

"Kernkraft bietet Preisstabilität, Kernkraft bremst den Klimawandel": Mit diesen beiden Mythen der Atomkonzerne muss endlich aufgeräumt werden. Fakt ist, dass der Marktpreis für Atomstrom weit über dem Produktionspreis liegt. Die Differenz fließt direkt in die Taschen der Atomkonzerne, der Verbraucher ist weiterhin mit Preissteigerungen konfrontiert und subventioniert obendrein als Steuerzahler die Atomkraft durch Forschung oder Sanierung von Altlasten. Eine Studie von Greenpeace aus dem vergangenen Jahr hat ergeben, dass im Zeitraum von 1950 bis 2008 mindestens 165 Milliarden Euro an Steuergeldern in die direkte und indirekte Unterstützung der Atomenergie geflossen sind. Über 92 Milliarden Euro an Subventionen z.B. für die Endlager werden in Zukunft noch hinzukommen.

Atomkraft bremst auch nicht den Klimawandel, sondern bremst vielmehr den Ausbau der erneuerbaren Energien. Warum in neue Anlagen und Technologien investieren, wenn die abgeschriebenen Anlagen noch wahre Goldgruben sind? Rechtlich ist ein Abschöpfen eines Teils der Zusatzgewinne durch Laufzeitverlängerung umstritten.

Die Risiken der Atomenergie  sind völlig unkalkulierbar: Schon beim Uranabbau werden weltweit ganze Landstriche verseucht. Die Sanierung des ehemaligen Uranabbaugebiets Wismut in der DDR kostete bisher über 5,3 Milliarden Euro.7000 Menschen erkrankten dort an Lungenkrebs. Weltweit wird es immer schwieriger an oberflächennahes, hochwertiges Uran zu gelangen. Der Uran-Preis steigt, die Umweltfolgen beim Abbau werden gravierender.

Aber auch der "Normalbetrieb" der Atomkraftwerke wurde lange Zeit unterschätzt. Die Kinderkrebsstudie (KIKK) des deutschen Kinderkrebsregisters aus dem Jahr 2008 belegte, dass die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken steigt, je dichter ein Kind an einem Atomkraftwerk wohnt. Im 5km-Radius ist das Erkrankungsrisiko für ein unter-fünfjähriges Kind 120% höher als anderswo. Konsequenzen aus dieser aufwändigen Fall-Kontroll-Studie, die einen Forschungszeitraum von 20 Jahren umspannte, wurden nicht gezogen. Stattdessen sollen die Laufzeiten nun auch noch verlängert werden. 

Aber auch die permanente Gefahr eines Super-GAUs steigt, je länger die Reaktoren am Netz sind. 2011 jährt sich Tschernobyl zum 25. Mal. Berechnungen gehen stark schwankend von 50.000 bis mehreren hunderttausend Todesopfern aus. Eine Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO summierte allein die Einsatzkräfte, die infolge von Strahlenschäden starben oder Selbstmord begingen im Jahr 2000 auf 50.000 Menschen. Auch nach über 25 Jahren erkranken viele Menschen in der Region an Krebs und anderen Krankheiten in Folge der anhaltenden Strahlung. Am stärksten betroffen sind auch hier die Kinder. Durch den Unfall wurden 4.200 km² zur unbewohnbaren Sperrzone, hunderttausende Menschen musste ihre Heimat für immer verlassen. Bis heute ist keine Versicherung der Welt bereit, ein Atomkraftwerk in Deutschland gegen den größten anzunehmenden Unfall (GAU) zu versichern.

Sie wissen warum: Überall wo Menschen arbeiten, passieren Fehler, richtig versichert kostet eine Kilowattstunde Atomstrom über 2 Euro und ist damit extrem teuer und unrentabel. Kommt noch Materialermüdung wie bei Krümmel hinzu, ist nur noch eins sicher: Das Risiko.

Wäre der Atomkonsens nicht wenige Monate vor dem 11. September 2001 verhandelt worden, wären die Reststrommengen sicherlich wesentlich strenger bemessen worden. Doch inzwischen verblasst der Eindruck, unter dem im Herbst 2001 alle standen. Selbst die Innenminister erinnern nicht mehr daran, dass wir den Ausstieg aus der Atomenergienutzung so schnell wie möglich vollziehen müssen denn keiner der 17 deutschen Reaktoren ist gegen einen Flugzeugabsturz eines A380 gerüstet, ganz abgesehen vom Einsatz panzerbrechender Waffen. Geheimdienste gehen inzwischen davon aus, dass Terroristen nicht mehr nur symbolische Ziele suchen, sondern Anschläge mit möglichst vielen Opfern planen. Eine "Weiter so" in der Atompolitik ist nicht nur ein Spiel mit dem Feuer, sondern ein Spiel mit einem Inferno.

Last, but not least: Die ungelöste Endlagerfrage. Weltweit existiert kein Endlager für hochradioaktiven Atommüll. Kein weiteres Land setzt heute noch auf die Lagerung in Salzgesteinen- außer Deutschland. Es gibt erhebliche Zweifel an der geologischen Geeignetheit von Salz generell. Das chemische Phänomen der Radiolyse (Gasbildung durch wärmeentwicklenden Atommüll) wird von Seiten der Bundesregierung ignoriert. Die katastrophalen Erfahrungen mit dem leicht- und mittelradioaktiven Atommüll in der Asse fließen nicht die Planungen ein, ebenso wenig die, die man im einsturzgefährdeten Atommülllager Morsleben sammeln musste.

Alles in allem: 

Atomkraft ist eine unbeherrschbare Risikotechnologie. Wir brauchen Alternativen: Insbesondere der Ausbau der Stromnetze muss "freie Fahrt" für regenerative Energien schaffen. Es kann nicht sein, dass Windräder abgeschaltet werden, weil bei starkem Wind die Netzkapazitäten fehlen. Wir brauchen mehr Forschung bei Speichertechnologien und eine verlässliche Förderung des Ausbaus dezentraler Energiegewinnung. Denn nichts fürchtet die Atomlobby so stark wie dezentrale, energieautarke Strukturen, die ihr Strommonopol aufbrechen.

Miriam Staudte

 

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